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Deutschland liefert erstmals Gas an die Ukraine – eigene Speicher nur noch zu 36 % gefüllt

Sophie T.

Verfasst am :

Deutschland liefert erstmals Gas an die Ukraine, und das geschieht ausgerechnet in einem Moment, in dem die eigenen Gasspeicher ungewöhnlich leer sind. Diese Entwicklung wirkt auf viele Menschen überraschend. Doch hinter der neuen Route über die Ostsee steckt ein komplexes Zusammenspiel aus Energiehandel, Infrastruktur und geopolitischen Interessen.

Wie Deutschland zur Gasdrehscheibe für die Ukraine wird

Der zentrale Knotenpunkt der neuen Lieferroute liegt im Hafen Mukran auf Rügen. Dort legen große LNG‑Tanker aus den USA an. LNG bedeutet verflüssigtes Erdgas, das bei etwa minus 160 Grad transportiert wird. In Mukran regasifiziert der private Betreiber Deutsche ReGas das tiefgekühlte Gas und speist es anschließend in das bestehende Pipeline-Netz ein.

Von Rügen aus fließt das Gas über ehemalige Nord-Stream-Leitungen nach Polen und anschließend weiter in die Ukraine. Diese Leitungen waren ursprünglich für russisches Gas gebaut. Nun transportieren sie amerikanisches LNG in die entgegengesetzte Richtung. Die Einspeisung erfolgt über den Punkt Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern.

Ein privates Terminal in einer neuen Rolle

Das LNG-Terminal in Mukran ist laut Betreiber Deutsche ReGas die einzige privat finanzierte Anlage in Deutschland, die direkt Gas in Richtung Ukraine liefert. Für die Ukraine ist dies mehr als nur eine technische Neuerung. Der Staatskonzern Naftogaz nennt die Route eine zuverlässige Importroute für dieses Jahr. Die Lieferungen sollen ausgebaut werden, um den Gasbedarf im Winter zu decken.

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Dass ein Großteil des deutschen LNG aus den USA stammt, ist kein Zufall. Rund 96 Prozent der deutschen LNG-Importe kamen im vergangenen Jahr aus den Vereinigten Staaten. Europa hat sich in kurzer Zeit stark vom russischen Pipelinegas abgewandt.

Warum die neue Route empfindlich ist

Die Gaslogistik über Mukran ist anfällig für Störungen. Zwei Wochen lang standen dort zuletzt alle Lieferungen still, weil Eis den Hafen blockierte. Erst das Mehrzweckschiff „Mellum“ konnte den Weg für den LNG‑Tanker „Minerva Amorgos“ freimachen.

  • Verzögerungen durch Eis oder Sturm
  • Engpässe bei Spezialschiffen
  • Hohe Auslastung der Pipelines
  • Geopolitische Risiken entlang globaler Routen

Gerade die Straße von Hormus, über die rund 20 Prozent des weltweiten LNG-Verkehrs laufen, bleibt wegen politischer Spannungen ein Risiko.

Deutsche Speicher fast leer – trotzdem sinkt der Preis

Während Gas über Deutschland weiter nach Osten transportiert wird, schrumpfen die eigenen Vorräte. Die europäischen Gasspeicher liegen bei unter 31 Prozent. Im Vorjahr waren es 40,7 Prozent. In Deutschland sind die Speicher sogar nur zu rund 20,7 Prozent gefüllt.

Trotzdem sinken die Großhandelspreise. Der europäische Gaspreis liegt derzeit bei etwa 31 Euro pro Megawattstunde.

Faktor Wirkung
Niedriger Speicherstand stützt Preise
Hohe LNG-Lieferungen dämpfen Preise
Mehr Wind- und Solarstrom senkt Gasbedarf
Geopolitische Risiken sorgen für Preisspitzen

Fünf LNG-Terminals als Sicherheitsnetz

Deutschland betreibt inzwischen fünf LNG-Terminals. Zwei liegen in Wilhelmshaven. Weitere Standorte befinden sich in Brunsbüttel, Lubmin und Mukran. Die Anlagen ermöglichen flexible Importe, allerdings zu höheren Kosten als Pipelinegas.

Wie stark Deutschland jetzt auf LNG angewiesen ist

LNG ist seit dem Rückgang russischer Lieferungen ein zentraler Bestandteil der Gasversorgung. Gleichzeitig strömt weiter Gas aus Norwegen und den Niederlanden nach Deutschland. Kritiker warnen jedoch, dass der massive Ausbau von LNG-Terminals das Land langfristig stärker an fossile Energien bindet.

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Wer profitiert von der neuen Route?

Für die Ukraine bedeutet die Route mehr Sicherheit und weniger Abhängigkeit von russischen Wegen. Deutschland gewinnt durch die Rolle als Energie-Drehscheibe Einfluss, trägt aber auch größere Verantwortung.

  • Zusätzliche Einnahmen aus Transit und Terminalbetrieb
  • Politischer Einfluss in Osteuropa
  • Mehr Risiken durch globale LNG-Abhängigkeit

Was Gasspeicher und LNG für Verbraucher bedeuten

Gasspeicher sind entscheidend dafür, ob Preise im Winter stabil bleiben. Sinkt der Füllstand wie jetzt auf rund 20 Prozent, reagieren Märkte empfindlich. LNG bietet dagegen flexible Lieferwege. Doch der Handel per Schiff birgt eigene Risiken und langfristige Verträge erschweren den schnellen Ausstieg aus fossilen Energien.

Denkbare Szenarien für die nächsten Wochen

Ein deutlich kälterer März könnte die Lage schnell verschärfen. Dann wären mehr LNG-Tanker nötig und Industrieanlagen könnten im Extremfall zeitweise abgeschaltet werden. Ein anderes Szenario wirkt beruhigend: hohe Wind- und Solarerträge sowie viele ankommende Tanker könnten die Speicher schneller wieder füllen.

Was bedeutet die Ukraine-Lieferung für deutsche Verbraucher?

Die Lieferungen gefährden die Versorgung in Deutschland derzeit nicht direkt. Hohe LNG-Mengen, zusätzliche Importe und weniger Gasbedarf von Kraftwerken stabilisieren den Markt. Die Ukraine kauft das Gas zudem regulär. Aber niedrige Speicherstände bleiben ein Warnsignal. Jede zusätzliche Verpflichtung erhöht die Komplexität der Planung.

Gleichzeitig stärkt jede Kilowattstunde, die die Ukraine erreicht, die Stabilität Europas. Ein instabiles Nachbarland hätte massive Folgen für Deutschland. Die neue Route über Rügen zeigt deshalb, wie eng Energieversorgung und Sicherheitspolitik heute miteinander verbunden sind.

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